Jede*r macht Projektmanagement. Jede*r kann Projektmanagement. Doch was macht die Arbeit an Büchern und Magazinen anders als in anderen Branchen?

Seit etlichen Jahren ist Projektmanagement auch in den Verlagen angekommen. Doch während in anderen Branchen – etwa IT oder Bau – zertifizierte Ausbildungen zum/zur professionellen Projektmanager*in Standard geworden sind, finden viele Verlage hier keinen praktikablen Weg und stehen oft ratlos vor den Anforderungen moderner Projekte.

Gründe mag es dafür viele geben. Interessanterweise liegen aber die Ursachen gerade bei Verlagen weit auseinander: Das hat im Extremfall zum einen mit rückständiger Technikfeindlichkeit alternder Führungsriegen zu tun und zum anderen mit übertriebener Technikaffinität jüngerer Verlage. Beides ist klarerweise schädlich, spannend ist es allemal sich beide Extreme anzusehen.

Zum einen finden sich nach wie vor traditionell verwurzelte Verlage, die sich standhaft den Entwicklungen des 21. Jahrhunderts entgegenstellen. Es gibt noch immer Verlage, die glauben, E-Books seien nur eine kurzfristige Modeerscheinung für Technikverliebte, bei der sie nicht mitmachen müssten. Nach wie vor erleben wir Verlage, die überzeugt sind, dass gedruckte Werbemittel der Stein der Weisen in der Buchvermarktung sind. Dass derlei Unternehmen nichts für zeitgemäßes Projektmanagement übrighaben, ergibt sich daraus von selbst. Projekte werden in diesen Fällen gar nicht als solche erkannt. Meistens kommen die Lektor*innen zum Handkuss, um einzelne Vorhaben umzusetzen. Ob das ein Buchprojekt, die neue Website (so überhaupt eine geplant ist) oder das x-hundertste Firmenjubiläum, egal: Mitarbeiter*innen werden ohne konzeptionelle Unterstützung ins kalte Wasser geworfen, verbrennen sich an traditionellen Prozessen und Hierarchien und suchen irgendwann das Weite.

Auf der anderen Seite finden sich Führungskräfte, die vielleicht etwas zu viel des Guten tun. Wenn moderne Verfahren, wie Scrum oder Agile Frameworks, im klassischen Buchprojekt angewendet werden sollen, führt dies in der Regel zu Irritationen und Frustration. Modelle, die für schnelle Prototypenentwicklung und innovatives Softwaredesign entwickelt wurden, passen nicht auf Projekte, die in ihrer Homogenität manchmal Prozessen ähnlicher sind als Projekten. Was im Verlag für die Entwicklung einer App funktioniert, muss deshalb nicht genauso gut bei der neuen Buchreihe klappen.

Was aber bei all diesen Überlegungen nicht aus den Augen verloren werden darf, ist, dass Bücher keine „normalen“ Fabrikate sind: Hinter Büchern stehen Autor*innen, die ihr Herzblut in das Rohmaterial des Produkts gelegt haben. Weder lässt sich eine solche Produktion als rein mechanistischer Prozess verstehen, der alles Menschliche ausblenden möchte. Noch hat das Projektteam uneingeschränkte kreative Freiheiten, um agil auf jede Marktänderung eingehen zu können. Buchproduktionen zählen weiterhin zu den größten Herausforderungen der Medienwelt und brauchen viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Dass ein Text die Leser*innen fesselt, lässt sich nach wie vor nicht durch Schablonen erzwingen. Wer mit Büchern arbeitet, muss Projekte stets neu definieren: Jede*r Autor*in ist anders, hat eigene Vorlieben, will auf seine Weise betreut werden. Jeder Text stellt andere intellektuelle Herausforderungen an die Menschen, die damit arbeiten dürfen. Eine Zertifizierung im Projektmanagement mag oft eine große Hilfe sein. Empathie, Kulturverständnis und hohe geistige Flexibilität sind aber mindestens genauso wichtig.

Gastbeitrag von Mag. Elmar Weixlbaumer, Kursleiter unseres Kurses Projektmanagement von Buch-, Verlags- und Medienprojekten.